Poetologischer und historischer Hintergrund der Literaturzeitschrift WALTHARI
Schon ein flüchtiger Blick in die WALTHARI-Hefte oder in das WALTHARI-Portal macht deutlich: Literatur wird hier stets in Verbindung mit Zeitkritik, Lebensphilosophie, Religion, Geschichte und Politik, vor allem aber mit den Wissenschaften gesehen. Das entspricht der historischen Vorlage (Walthari-Epos), deren wahrscheinlicher Verfasser Grimald zugleich Dichter, Wissenschaftler, Politiker und Mönch in einer Person war. Grimald (800-872), der Abt des Benediktinerklosters in Weißenburg/Elsaß und spätere Erzkaplan und Erzkanzler im ostfränkischen Deutschen Reich, kann als Sinnbild für das Waltharische über die Jahrhunderte bis in die Gegenwart gelten.
Die Arbeitsprinzipien
Sie lagen von Anfang an fest und sind unter ›Hinweis des Herausgebers‹ in jedem Heft der Literaturzeitschrift festgehalten:
»WALTHARI ® erscheint anzeigenfrei, subventions- und verbandsfrei – aus Gründen der Unabhängigkeit und der Freiheit des Wortes.
WALTHARI ist einzig der Sprache verpflichtet, nimmt also keine Fotos usw. auf – in bewußter Gegenhaltung zum Bildertrend (Ikonophagie) unserer Zeit.
Gegen die idolatrische Mode steht auch das Gestaltungsprinzip, den Texten einen höheren Rang einzuräumen als den Autorennamen. Das hat zur Folge: Der Autor tritt hinter seinem Text zurück; daher keine Anschriften.«
An diesen fünf Arbeitsprinzipien (anzeigefrei, subventionsfrei, verbandsfrei, bilderfrei und idolenkritisch) wurde in all den Jahren ausnahmslos festgehalten, sowohl in der gedruckten als auch in der Netzausgabe.
Erst kürzlich las ich in einem Bericht, daß die französische Wochenzeitschrift ›Le Canard enchaîné‹ nach ähnlichen Prinzipien arbeitet. ›Die angekettete Ente‹ nimmt ebenfalls keine Werbung auf, verschmäht jegliche Subventionen und Verbandsunterstützung, kommt seit den 20er Jahren mit unverändertem Layout heraus, bringt statt Bilder (Fotos) nur Karikaturen und spießt Prominente gnadenlos auf. Das satirische Blatt umfaßt nur acht Druckseiten in Schwarz und Rot. Die etablierte Klasse versetzt es wöchentlich in helle Aufregung. Mit Prozessen und Verwanzungen der Redaktion suchte man ›Le Canard enchaîné‹ mundtot zu machen.
Die Arbeitsfelder
Sie sind durch das Walthari-Lied vorgegeben: Literatur, Politik, Religion, Geschichts- und Heimatbezogenheit. Hinzu kommen Wissenschaft und Zeitkritik. Grimald war auf allen diesen Feldern aktiv. Er übte scharfe Zeitkritik, indem er sich zeitweise, aus Unzufriedenheit über die Karlsenkel, aus dem politischen Geschäft zurückzog.
Das Walthari-Lied ist aus dem kollektiven europäischen Gedächtnis hervorgegangen. Darin war bis zum Ausgang des Mittelalters die aufwühlenden Ereignisse der Völkerwanderungszeit (2.-5. Jh.) gespeichert. Was über Jahrhunderte mündlich überliefert wurde, schlug sich legendenhaft in Dichtungen nieder, zuerst im Waltharius (vermutlich entstanden in der ersten Hälfte des 9. Jh.), später im Nibelungenlied, das erst um 1200 niedergeschrieben wurde. In gebildeten Kreisen (an Adelshöfen und in Klöstern) wurde das Walthari-Lied nachweislich häufig gelesen, es war eine Art Nationaldichtung im Heiligen Römischen Reich (ab dem 10. Jh.: deutscher Nation). Erst das Nibelungenlied verdrängte die Walthersage vom vorderen Leserang. Dieser historische und fiktionale Hintergrund gibt für das WALTHARI-Projekt freilich nur die Folie für Aktualisierungen ab. Es wird nämlich nicht erforscht, wie es um den Waltharius einst wirklich war, vielmehr werden seine Themen und Motive aufgegriffen, um sie mit der heutigen Zeit zu konfrontieren. Dabei erweisen sich seine Botschaften als zeitlos.
Die Botschaften des Walthari-Liedes
In dem Großgedicht erscheint Etzel (Attila) auf den ersten Blick als Bösewicht, bei genauerem Hinsehen aber als politisches Vorbild. Zwar hat er sich als Geiselnehmer und Eroberer schlecht benommen, aber die nach Ungarn verschleppten westlichen Geiseln (Walther, Hiltgunt und Hagen) behandelt er mit Respekt und läßt sie am eigenen Hof sogar Karriere machen. Dennoch wird er von den drei Geiseln hintergangen (Flucht unter Mitnahme des Hofschatzes). Was der Walthari-Dichter bei der Hofschilderung andeutet: Etzel hält sein Reich zusammen und bewahrt seine Untertanen vor Überfällen – im Gegensatz zu den West- und Ostfranken, die ständig im Streit miteinander liegen. Gunther, der Wormser König, wird später, beim Kampf im Wasgenwald (Wasgau), als Schwächling dargestellt. Hagen gerät in die Falle zwischen Freundes- und Vasallentreue. Nur Walther erscheint in allen Szenen als strahlender Held. Obschon man die Geiselkarrieren am Hofe Etzels als gelungene Integration deuten kann, wird sie von den drei ›Westlern‹ (Walther, Hiltgunt und Hagen) schmählich gebrochen. Über den drei Flüchtenden liegt daher ein moralischer Schatten (Hinterlist, Raub, Undank), der sich beim Kampf im Wasgenwald ins Mörderische verlängert. Von Ehrsucht in den Reckenwahn getrieben, streckt Walther einen nach dem anderen der Recken nieder, die Gunther begleiten. Lediglich Hagen, Gunther und Walther überleben, alle drei schwer verwundet. Sie werden von Hiltgunt unterhalb des Kampfplatzes versorgt.
Diese Schlußszene mutet gespenstisch an: Nach den zugefügten Verwundungen dürfte keiner der Kämpfer überleben. Doch die Recken Walther und Hagen scherzen und prahlen sogar, als ob nichts geschehen wäre. Nur Gunther gesteht seine Schwäche ein und zeigt sich einsichtig. Für einen geistlichen Dichter ist diese Schlußszene ein starkes Stück. Er verabschiedet sich von den Lesern mit der Zeile: »Dies ist das Lied vom Walther, Euch schenke Jesus das ewige Leben.« Was steckt dahinter?
Will man aus dem kontroversen Geschehen Botschaften herauslesen, dann diese: Versäumte Wehrhaftigkeit rächt sich; zuviel Vertrauen gegenüber Feinden lohnt sich nicht; selbst außergewöhnliche Tapferkeit (in der Gestalt Walthers) schützt nicht vor Selbstverstümmelungen; ruhmgierige Siegermentalität wird von Versöhnungsbereitschaft nur mühesam in Schach gehalten; Treuekonflikte haben einen hohen Preis, will sagen: Tugenden sollten nicht gegeneinander antreten. Die wohl wichtigste Botschaft: Der Dichter rät indirekt zum Wortkrieg statt zum Waffenkrieg. Doch diese Einsicht kommt spät, zu spät, um mit heiler Gesundheit und Seele sich aus der Affäre ziehen zu können.
Heroismus aus erkannter menschlicher Schwäche
Wie erwähnt, dienen die historischen Fakten und ihr fiktionaler Niederschlag im Walthari-Lied lediglich als Hintergrundfolie für das WALTHARI-Projekt. Man muß schon deshalb darüber hinausgehen, weil der Mönchsdichter keinerlei Nachsicht gegenüber den Unterlegenen zu erkennen gibt. Schwächen scheint er zu verabscheuen – ein erstaunlicher Befund angesichts des biblischen Liebesgebots, dem der Dichter als Mönch verpflichtet ist. Nur in der Versöhnungsszene am Schluß wird Schwäche thematisiert. Mit gerade erst abgeschlagenen Gliedmaßen fällt es nicht schwer, sich versöhnungsbereit zu zeigen. Man fragt sich: Was beabsichtigt der Dichter? Wollte er seinen Lesern das Lächerliche der Schlächterei und das Absurde der Prahlereien vor Augen führen? Mit Sicherheit verstand Grimald, wenn er denn der Dichter war, sein Epos als Mahngeste an die streitenden West- und Ostfranken. Ihrer Streitlust fiel letztlich das Karlsreich zum Opfer. Gemäß dieser Interpretation sind nicht die ruhmgierigen Siegertypen die Helden des Gedichts, sondern drei andere Gestalten: der einsichtige Gunther, die sanfte Hiltgunt und der großzügige Etzel. Damit ist eine Brücke zu einem Deutungsmuster geschlagen, das im Epos nur indirekt mitschwingt, aber den Kern alles Waltharischen ausmacht: Nicht mehr martialischer und rumsüchtiger Heroismus, sondern ein Heroismus aus erkannter kreatürlicher Schwäche ist die Konsequenz (aus den ewigen Menschenhändeln) sowohl im Epos als auch in den Jahrhunderten davor und danach. Genau darauf zielt der Walthari-Code ab, der in Heft 50 ausführlich beschrieben wird (S. 49 ff.).
Konsequenzen für das Walthari-Projekt
Mit dieser Deutung kommt das zentrale Motiv des WALTHARI-Projekts zum Vorschein. Literatur und ihre ebenfalls scharfzüngige Schwester, die Zeitkritik, fühlen sich einem Heroismus verpflichtet, den Schelling aus dem kreatürlichen Schrecken hervorgehen sieht (vgl. ausführlich dazu die WALTHARI-Hefte 34 ff.). Grimald bezieht sich in seinem Hexameter-Gedicht auf die ›halbe‹ griechisch-römische Geisteswelt (vgl. den Nachweis in der Strecker-Ausgabe), um die Hauptprämissen für den ›neuen‹ Heroismus anzudeuten: umfassende Bildung, demütige Selbsterkenntnis und nüchterner Lebenssinn. Es liegt in der logischen Entwicklung der Epos-Vorlage, daß sich das Waltharische auf jene Themenbreite ausdehnt, wie sie mit den Portal-Fenstern in www.walthari.com konkrete Gestalt angenommen hat. Die gedruckten WALTHARI-Hefte sind als literarisch verarbeitete Pilottexte innerhalb dieses Gesamtkonzepts zu verstehen. Bei den Tagebuchnotizen, Literaturbriefen usw. stehen Zeitkritik und Lebensphilosophie jeweils Pate. Alles kreist um vier Grundfragen: Wer sind wir? Wie finden wir zu uns selber? Womit kann das gelingen? Worin erfüllen sich die Selbsterwartungen am besten? Diese vier Leitfragen werden im WALTHARI-Heft 50 ausführlich erörtert (dort S. 19-29).
Zum biografischen Hintergrund der belletristischen Veröffentlichungen
Ich begann, wie so viele Literaten, mit Lyrik. Was ich unter den ersten Versuchen als bewahrenswert ansah, stellte ich in dem Bändchen ›Rot und Zeit‹ zusammen. Auch die ersten kleinen Prosastücke entstanden in den frühen 70er Jahren und wurden 1978 unter dem Titel ›Republikanisch-satirische Skizzen‹ veröffentlicht. Thematisiert werden darin u.a. Erfahrungen an meiner Hochschule, an der ich seit 1971 als Lehrstuhlinhaber tätig war. Erst danach wagte ich mich an die erste größere Textkomposition, an den Roman ›… und kamen nach Santo Domingo‹ (1980). Biografischer Hintergrund waren Eindrücke, die ich auf einer Spanienfahrt sammeln konnte.
Auch den anderen der fiktionalen Texte gingen Erlebnisse voraus, die freilich nur Anstoß zum Schreiben waren, in den Texten also nicht realitätsgetreu wiedergegeben werden. Nachzeichnungen der Wirklichkeit wären bloße Protokolle und würden das Besondere poetischer Texträume verfehlen (vgl. dazu die poetologischen Beiträge in diesem Sammelband). Leben und Werk sind zwar verflochten, aber nicht so, wie es bei einer Lebensbeschreibung (Biographie) der Fall ist. Der poetische Überschuß verselbständigt sich und stellt am Ende eine eigene Welt dar. So auch hier. Das gilt für die Bühnenstücke wie für die Gedichte. Die anstoßenden Erlebnisse treten ganz zurück und bilden lediglich noch schwache Hintergrundfarben, denen kein dominantes Deutungsgewicht zukommt.
Nicht mit dem Schreiben, sondern mit dem Veröffentlichen habe ich spät begonnen. Ich wollte, wie Gerhard Meier freiwillig und wie Arno Schmidt gezwungenermaßen, erst genügend Lebenserfahrungen sammeln. …