Walthari
 
 

Lebensphilosophie



 

15. Juli 2017

 Schopenhauers Höhle

 »Der geistreiche Mensch wird vor allem nach Schmerzlosigkeit, Ungehudeltsein, Ruhe und Muße streben, folglich ein stilles, bescheidenes, aber möglichst unangefochtenes Leben suchen und demgemäß, nach einiger Bekanntschaft mit den sogenannten Menschen, die Zurückgezogenheit und, bei großem Geiste, sogar die Einsamkeit wählen. Denn je mehr einer an sich selber hat, desto weniger bedarf er von außen und desto weniger auch können die übrigen ihm sein. Darum führt die Eminenz des Geistes zur Ungeselligkeit. Ja, wenn die Qualität der Gesellschaft sich durch die Quantität ersetzen ließe; da wäre es der Mühe wert, sogar in der großen Welt zu leben: aber leider geben hundert Narren, auf einen Haufen, noch keinen gescheiten Mann.«

 
Phronesis

 Auch die weisesten Weisen sind nicht höhlenbeständig. Es treibt sie nach draußen. Um sich in der Arena zurechtzufinden, bedarf es eines besonderen Vermögens der Seele, das Aristoteles mit Phronesis (lrsnhsix = das Denken, der Verstand, die Gesinnung) Bezeichnet hat. Der Altmeister der Philosopie (=Liebe zur Weisheit) unterschied zehn Seinssinne und drei Vernunftsarten Lehrsatz 1: Das Sein der Welt (die Arena) ist vielfältig; nach einem Einheitsprinzip zu suchen ist fruchtlos. Lehrsatz 2: Der Vielfalt der Seinstypen kann nur mit vielfältigen Seinssinnen und Vernunftarten begegnet werden; wer mit einem falsch gewählten Seinssinn einem bestimmten Seinstyp gegenübertritt, scheitert. Lehrsatz 3: Jeder Seinssinn und jede Vernunftart hat ihre je spezifisch Logik (im Gebrauch und im Ergebnis); die Methodik und der Erkenntniswert z.B. der theoretischen Vernunft sind von  anderer »Rationalität« als diejenigen der praktischen Vernunft.

 Thales von Milet (um 624 bis 546 v. Chr.) war ein Meister der theoretischen Vernunft, der Wissenschaft (episteme); die Mathematik und Astronomie beherrschte er so genial, daß er zu den Sieben Weisen gerechnet wurde - und doch fiel er in einen Brunnen: es ging ihm der Seinssinn der Phronesis ab. Platon berichtet diesen Vorfall in seinem Dialog »Theaitetos«, um die (häufig lebensschwerfälligen) Philosophen zu verteidigen. Denn Thales soll, »als er, um die Sterne zu beschauen, den Blick nach oben gerichtet, in den Brunnen fiel«, eine »artige und witzige thraktische Magd ... verspottet haben, daß er, was im Himmel wäre, wohl strebte zu erfahren, was aber vor ihm läge und zu seinen Füßen, ihm unbekannt bleibe.«  Nach Platon hat ein Philosoph den Spott gelassen zu ertragen: »so erregt er Gelächter, nicht nur den Thrakierinnen, sondern auch dem übrigen Volk, indem er aus Unerfahrenheit in Gruben und in allerlei Verlegenheit hineinfällt, und seine gewaltige Ungeschicktheit erregt die Meinung, seine Einfalt sei unverbesserlich.« War Aristoteles weiser als sein Lehrer, der die Vielfalt der Welt stets auf Einheitsnenner (Was ist Tapferkeit an sich? Was ist das Gute an sich? läßt er Sokrates fragen) zu bringen versuchte? Das kurze vierte Kapitel im ersten Buch der »Nikomachischen Ethik« gehört zu den großen Texten der Weisheitsliteratur, weil es die Philosophen aus dem Brunnen und die Einheitsideologen vom Utopiehimmel holt. Das praktisch Nahe zählt mehr als das utopisch Ferne, das Vielfältige mehr als Monistische, und der Lebenssinn für den »rechten Moment« ist für das Zurechtkommen in der Arena wichtiger als das Einheits-An-sich. »So ist die Wissenschaft des rechten Moments im Kriege die Feldherrnkunst, in der Krankheit die Heilkunst, und die Wissenschaft des rechten Maßes bei der Nahrung die Heilkunst, bei den leiblichen Anstrengungen die Gymnastik«. Und die Schlußsätze des 4. Kapitels beschreiben die einfache Sittlichkeit im Alltag (der Arena) nüchtern-genau: »Auch wäre es sonderbar, was es einem Weber oder Zimmermann für sein Gewerbe nützen sollte, das Gute an sich zu kennen, oder wie einer ein besserer Arzt oder Stratege werden sollte, wenn er die Idee des Guten geschaut hat. Auch der Arzt faßt offenbar nicht die Gesundheit an sich in´s Auge, sondern die des Menschen, oder vielmehr die des Menschen in concreto. Denn er heilt immer nur den und den.«
Aus: Walthari, Zeitschrift für Literatur, Heft 19/1993 mit dem Schwerpunktthema Weisheitsliteratur, S. 14 ff.
©Univ.-Prof. Dr. E. Dauenhauer (ausgenommen die Originalzitate). Aus: www.walthari.com

 


Epochengestalten