Walthari
 

Literaturbesprechungen


 
28. September 2018  
Brüschweiler, A.:
Die religionsgeschichtlichen Grundlagen des Dialoges Timaios, 
Verlag Königshausen & Neumann, Würzburg 2018, 114 Seiten, 28,- Euro ISBN 978-3-8260-6388-6
 
Wenn dieser Verlag einen Titel aus seinem antik-kulturellen Programm anzeigt, kann man sicher sein, daß solide Arbeit geleistet wurde. Ich bin als Rezensent nicht erst 2002 auf den Königshausen & Neumann-Geschmack gekommen, als ich P. Gardeyas ›Platons Teaitetos‹ in diesem Walthari-Portal besprochen habe. Dort geht es um Erkenntnistheorie, die ich in meinen Vorlesungen einflechten konnte. Der vorliegende schmale Band von Brüschweiler ist weniger philosophisch als religionsgeschichtlich von höchstem Interesse. Der Autor vergleicht zitatenreich die Schöpfungsgeschichte der Bibel und die heilsgeschichtlichen Verheißungen des Alten Testaments mit »den Erkenntnissen (!) der ionischen Philosophie über die jenseitige und materielle Schöpfung (soweit diese Erkenntnisse überhaupt mittels Quellen überliefert wurden)«. Gerade Platon bleibt vieles als Geheimlehre verborgen und nur indirekt erschließbar (vgl. dazu: Schefer, Chr.: ›Platons unsagbare Erfahrung‹, Basel 2001, besprochen am 24. Januar 2004 in diesem Walthari-Portal). Brüschweiler legt nun zwei Textspuren nebeneinander, die ionische und die biblisch-alttestamentarische, und entdeckt dabei erstaunliche Parallelen und sogar Deckungsgleichheiten: Stammväter hier wie dort, ebenso Abfallnarrative, »Engelsstürze«, Hölle-Hades-Parallele, Retterfiguren, Aufstieg zur höheren Ordnung usw. Im ionischen Weltbild bleibt vieles verschlüsselt, während die Bibel deutliche Worte findet. Beide Schöpfungslehren kennen einen Erstgeborenen und große Prüfungen, die bei Nichtbestehen, die Erschaffung von »verschiedenen materiellen Lebensformen auf der Erde« zur Folge hat. Wer einmal in den Textvergleich eingestiegen ist, liest gebannt weiter, denn die Folgen der vergleichenden Herausarbeitung sind gravierend etwa für das jüdische singuläre Erwählungsnarrativ. Erhellend auch der Befund Brüchweilers, daß die rasche Ausbreitung des Christentums in der Spätantike durch die Strukturverwandtschaft mit dem ionischen Weltbild in neuem Licht erscheint (112). Die Vergleichsanalyse ebnet freilich die erheblichen spirituellen Unterschiede beider Schöpfungs- und Weltbilder nicht auf.
© Univ.-Prof. Dr. E. Dauenhauer, ausgenommen die Originalzitate. Aus: www.walthari.com
 




12. Mai 2018
Littlehales, Nick: Sleep.  Schlafen wie die Profis,
Albert Knaus Verlag, München 2018,  236 Seiten, 16,- Euro
ISBN 978-3-8135-0787-4
 
Der aufgeklärte Leser muß drei Zumutungen überwinden, ehe er in die informativen zehn Kapitel einsteigt: Warum ein englischer Haupttitel, wo doch werbeträchtige deutsche Wörter zur Verfügung stehen? Wozu die vielen englischen Quellenangaben (mit leichten deutschen Einsprengseln), die kaum einem deutschen Leser nützen? Warum werden Quellen der deutschen Schlafforschung ausgespart? Es scheint unter Verlagen hierzulande immer mehr Mode zu werden, Lizenzausgaben mit nur kosmetischen Hinzufügungen dem Publikum zu servieren und der Anglifizierungsneigung (»performen« usw.) der Übersetzer keinen Einhalt zu gebieten. Wer diese nicht geringen Zumutungen wegzustecken bereit ist (wozu kein angelsächsischer Leser im Umkehrfalle bereit wäre), stößt (als fachlich orientierter Leser) weitgehend auf Bekanntes, doch die narrative Authenzität des Autors lohnt den Einstieg in den Text. Der Autor ist weder Arzt noch Wissenschaftler, dafür um so mehr ein erfahrener Praktiker, der sich als »Schlaf-Couch internationaler Sportler« gut verkauft. Er verspricht einerseits keine Schlafdiät (17), in sein »R90 Sleep Recovery Programm« geht dennoch eine »Paleo-Schlaf-Diät« (19) ein. Er verspricht, den Schlaf seiner Leser innerhalb von »gerade mal sieben Wochen zu revolutionieren« (18). Dazu stellt er in Teil 1 ›Schlüsselindikatoren für erholsamen Schlaf‹ vor, das sind bekannte Erkenntnisse über Rhythmen, Zyklen, Schlafausstattung, Schlafumgebung usw. Teil 2 lautet ›R90 in der Praxis‹, der Autor präsentiert sein spezielles Schlafprogramm, geht auf Schlafprobleme ein und wird in Kapitel 10 intim. Was kann der Leser lernen? (1) Daß Schlaf ein kompliziertes und geheimnisvolles Evolutionsgeschenk ist, das zu mißachten eine Lebensdummheit mit schweren Folgen ist. (2) Man sollte mehr auf zirkadiane Schlafrhythmen als auf die Schlafdauer achten. (3) Daraus ergeben sich individuelle Schlafmuster, die man pflegen soll. (4) Förderlich sind zahlreiche Requisiten (Schlafumgebung usw.). (5) Der Schlaftypus kann bis zur individuellen Liegeposition durchschlagen. Nicht jedem Leser wird die geschilderte Schlafverplanung gefallen, da sie ein diszipliniertes Zeitbewußtsein verlang, doch die Natur spricht dafür.
© Univ.-Prof. Dr. E. Dauenhauer, ausgenommen die Originalzitate. Aus: www.walthari.com
 



11. Mai 2018
 
Brissa, Enrico: Auf dem Parkett.  
Kleines Handbuch des weltläufigen Benehmens
Mit Illustrationen von Birgit Schössow,
Siedler Verlag, München 2018, 272 Seiten, 18,- Euro,  
ISBN 978-3-8275-0112-7
 
Schon im formalen Aufbau ein sehr nutzerfreundliches Buch: gleich zu Anfang ein Verzeichnis der Begriffe und am Ende ein umfangreiches Register (16 Seiten). Da findet sich der Leser problemlos zurecht und kann, wenn nicht schon fündig bei den Begriffen, im Register die gewünschten Textstellen ausfindig machen. Am weltläufigen Benehmen fehlt es heutzutage mehr als in der Vor-68er-Zeit, als die Regeln des Anstandes noch nicht unter der Walze der Tabubrecher zermalmt worden waren. Der zivilisatorische Flurschaden ist allerorten, besonders in den Schulen und im Netzbetrieb, zu besichtigen. Brissa schreibt gegen die Höflichkeitsverwahrlosung von der hohen Warte eines Protokollchefs (zuerst im Bundespräsidialamt, danach im Bundestag) an.  Beschrieben werden rund 140 Leitbegriffe, bei deren Lektüre sich abwechselnd Respekt vor dem Mut und Trauer über die Benimmdifferenzen im Alltag, in der Politik usw. einstellt. Gute Manieren sind eben ein knappes Gut, das Brissa mustergültig beschreibt: Es geht nicht nur um formal korrekte Umgangsformen, vielmehr sind Manieren »ein essentieller Teil des Menschseins« (142). In der Tat liegt es an den vielen historischen Brüchen in Deutschland, wenn hierzulande ein unmanierlicher Sonderweg zu beobachten ist, der gegenwärtig durch die massenhafte fremdkulturelle Einwanderung noch verstärkt wird (manche Großstadtviertel sind mittlerweile manierlos).
Ich lese einige Dutzend Einträge und fühle mich dabei wie in einem Reparaturbetrieb einer beschädigten Kultur. Ob Anrede oder Krawatte, E-Mail oder Bezahlen, es wird jeweils nicht nur beschrieben, was sich schickt, sondern auch warum. Die Perspektive schließt die hohe Schule der Diplomatie ein. Schreibt deshalb Brissa von einer zu hohen Warte? Keineswegs. Dazu muß man nur den kurzen Beitrag über Strümpfe lesen. Oder über die Höflichkeit im Straßenverkehr.
© Univ.-Prof. Dr. E. Dauenhauer, ausgenommen die Originalzitate. Aus: www.walthari.com
 



12. April 2018
 
Kast, Bas: Der Ernährungskompass.
Das Fazit aller wissenschaftlichen Studien zum Thema Ernährung,

C. Bertelsmann Verlag, München 2018, 320 Seiten,
Fadenbindung, 20,- Euro,  ISBN 978-3-570-10319-7
 
Der Untertitel (›aller wissenschaftlichen Studien zum Thema Ernährung‹?) macht stutzig, weil Aberhunderte erschienen sind, die ein einzelner Autor allein gar nicht auswerten kann. Doch nimmt man die Übertreibung um so gelassener inkauf, je weiter man liest. Zum formalen Aufbau des Buches: wölf Kapitel mit einer Einführung und einem zusammenfassenden Epilog: ›Meine 12 wichtigsten Ernährungstipps‹. Dazu ein umfangreiches Literaturverzeichnis (neun Seiten), 12 Seiten Anmerkungen und leider ein zu dürftiges Register (fünf Seiten). Bekanntlich rechnet die Ernährungswissenschaft in den Disziplinen mit den geringsten Halbwertzeiten. Es ist daher schwer, zeitüberdauernde ›Universalien‹ auszumachen. Kaffeegetränke werden einmal verteufelt, dann wieder gelobt, ebenso ergeht es dem Brotverzehr und Dutzenden anderen Lebensmitteln. Bezeichnend ist die Spinnennetzgraphik auf Seite 172. Ausgewertet wurden ›alle großen Analysen‹ für die Metaanalyse, die zwar ein uneinheitliches Bild vermittelt, aber doch Tendenzen angibt. Milch z.B. wird zu 60 Prozent als neutral und in 24 Prozent als schützend bewertet. Bei rotem Fleisch lautet das Ergebnis mehrheitlich: schädlich. Bei Fisch hingegen fallen die Bewertungen ohne Tendenz aus: 44 % positiv, 50 % neutral und zwei Prozent schädlich. Bei Obst/Gemüse sind Plus und Neutral praktisch gleichauf, nur zwei Prozent negativ. Was die Datenvorstellung von Kast auszeichnete: Er differenziert sehr stark. Was macht der Autor aus dem Befund über Milch? Er unterscheidet sehr sorgfältig (so zwischen Frauen und Männern) und kommt für sich zu dem Schluß: »Ich war immer ein fleißiger Milchtrinker und bin es jetzt nicht mehr« (189). Im Normalfall (d.h. ohne Rücksicht auf eine gesundheitliche Speziallage) sollte der Milchkonsum nicht zwei Gläser täglich überschreiten. Eine Milchverteufelung ist also fehl am Platze. Über eine Milliarde Chinesen verträgt keine Milch, ohne daß es zu Gesundheitsschäden oder Frühsterblichkeit kommt. Zwei Kapitel über Proteine, je drei Kapitel über Kohlenhydrate und Fette, dazu Kapitel über Diätfasten, Vitaminpillen, Milch, Kaffee, Tee und Alkohol und am Schluß die zwölf ›Gebote‹ einer gesunden Ernährung: ein flott und sehr ausgewogen geschriebener Ratgeber.
© Univ.-Prof. Dr. E. Dauenhauer, ausgenommen die Originalzitate. Aus: www.walthari.com
 



4. Februar 2018

 
Engelberg, Ernst: Bismarck. Sturm über Europa. Biographie,
herausgegeben und bearbeitet von Achim, 
Verlag Pantheon, München 2017, 864 Seiten, 59 s/w Abbildungen,
20,- Euro,
ISBN 978-3-570-55289-6
 
Diese Ausgabe ist fast textidentisch mit der Hardcover-Ausgabe des Siedler-Verlages aus dem Jahr 2014, die in diesem Walthari-Portrait am 5. Dezember 2014 ausführlich besprochen wurde. Eine nochmalige Rezensionsanzeige lohnt sich, weil nun das Buch als ›Taschenbuch‹ zum halben Preis zu haben ist und weil in unseren nationenskeptischen Zeiten diese Biographie an ein unverzichtbares politisches und gesellschaftliches Fundament erinnert. In der nationalistischen Epoche nach 1871 gab es in Deutschland Hunderte Bismarcktürme, darunter auch einen in Landau/Pfalz direkt hinter der Universität, den man nach 1945 herunterkommen ließ, gleichsam als Symbol für den zweiten Bismarcksturz in den Jahren der Umerziehung und der Wendeübungen deutscher Historiker. Noch im Juli 1944 bewunderte Theodor Schieder in Königsberg den Reichskanzler und beeinflußte später seinen einflußreichen Schülerkreis (H.-U. Wehler u.a.). Seine Zunft stellte sich nach 1945 in die angelsächsische Propaganda der Anti-Hunnen-Kampagne. Die DDR sah das anders, der Marxist Ernst Engelberg schrieb wohlwollend über den Reichsgründer. Demgegenüber sah Bundespräsident Gustav Heinemann in einer Rede am 18. Januar 1971 den ›Eisernen Reichskanzler‹ als eine Art Vorbereiter der Nazigreuel. Nur vereinzelt gab es Gegenlicht, so von Alfred Herrhausen kurz vor der Wende 1989. Vier Wochen später fiel er einem Attentat zum Opfer. Von alledem ist in der Engelberg-Darstellung nichts zu lesen, eine Lektüre lohnt sich aber, um die Nachwirren angemessen einzuordnen.
© Univ.-Prof. Dr. E. Dauenhauer, ausgenommen die Originalzitate. Aus: www.walthari.com