Walthari
 
 

Bürgergesinnung
für eine künftige Zivilgesellschaft


16. Juni 2015
  

Epochale Versäumnisse im parteienstaatlichen Machtgebrauch
- Höchste Zeit für mehr direktdemokratische Korrekturen -
Von Univ.-Prof. Dr. E. Dauenhauer
14. Folge
 
1
Der parteienstaatliche Machtgebrauch löst immer weniger Probleme. Er hat sich damit so sehr vom Verfassungssouverän, den Bürgern, entfernt, daß diese vermehrt in den politischen Streik (Wahlenthaltung) treten. Die Entwicklung hat bei jüngsten Wahlen die rote Linie überschritten: Mehr als fünfzig Prozent verzichteten auf ihr Stimmrecht und haben damit parteienstaatlichen Machthaber die Legitimation entzogen. Denn in Demokratien gilt das Mehrheitsprinzip, oder der Parteienstaat wird zum Phantom. Verzweifelt versucht der Machtapparat davon abzulenken, daß sein Fundament weggebrochen ist. So soll die Wahlpflicht eingeführt und die Wahlperioden noch weiter verlängert werden – untrügliche Zeichen dafür, wie weit sich die Machthaber von der Mehrheit der Bürger entfernt haben. Ohne den Begleit-Tamtam der parteiennahen Medien wäre die Wahlbeteiligung noch geringer. Man treibt den wahlmüden Bürger mit Drohungen und Versprechungen vor sich her, als handle es sich…
 
2
Vor bald zwanzig Jahren wurden in diesem Walthari-Portal ›40 Hauptsünden des Parteienkartells‹ vorgestellt. Das Sündenregister hat sich mittlerweile beträchtlich erweitert. Wie wenig vorausschauend man agiert, ist aktuell an der Ohnmacht gegenüber dem anwachsenden Flüchtlingsdruck abzulesen. Oder an dem grotesken Schauspiel um die ›Rettung‹ Griechenlands in der Eurozone. Unter direktdemokratischen Verhältnissen wie in der Schweiz wären solche Zuspitzungen unmöglich.
 
3
Parteienintern und auch in den meisten Medien bricht Panik aus, wenn sich der weitgehend entmündigte Verfassungssouverän, das Volk, in Protestbewegungen Luft macht. Eilfertig wird er verunglimpft und der Teufel an die Wand gemalt. Die links-grüne Diskurshoheit und die Wächter auf den Beobachtungstürmen der Political Correctness werfen sofort die ideologisch gut geölte Empörungsmaschine an und beschallen so heftig den öffentlichen Raum, daß der Verfassungssouverän…  So wird gegen die eingeschüchterte Bürgermehrheit die Homo-Ehe, das multikulturelle ›bunte Deutschland‹ mit seinen explosiven Parallelgesellschaften, die feministische Genderei an Hochschulen, die islamische Rechtsunterwanderung, der Asylmißbrauch u.v.a. durchgepeitscht.
 
4
In realitätsfernen Analysen wird das unstabile Modell der heterogenen Demokratie angepriesen. Dazu gehört, daß die Anpreiser selber in migrantenfreien Stadtvierteln wohnen und ihre Kinder…
Baltimore und Marseille als Vorläufer für Berlin, Frankfurt/Main u.a. Warnung:
»… durch Zuwanderung ist in Deutschland ein neues Subproletariat, das, assimilations- und bildungsfern, in seinen ghettoähnlichen Wohnquartieren…« So schon vor Jahren H.-U. Wehler in Bd. 5 seiner ›Gesellschaftsgeschichte‹, S. 438.
 
5
Allerfeinst juristische Legitimationen der gegenwärtigen Zustände, begleitet vom Vorwurf des Populismus. Will sagen: das Volk sei politisch unreif. Was schon daran zu erkennen sei, daß fast die Hälfte der Deutschen das Gewaltmonopol des Staates ablehne. Wiederum verschweigen die Legitimierer die Alltagserfahrung, wie sie in der Kriminalitätsstatistik wenigstens halbwegs zum Ausdruck kommt. Auch hier kennen die feinen Herrschaften die Realität nur vom Hörensagen.
 
6 
»Die Idee der Freiheit verlangt, daß so wenig wie möglich geherrscht und regiert werden soll.« Kein Satz aus einem Satireprogramm – Karl Popper. Wer erklärt haben möchte, was Volksvertrauen bei direkter Demokratie bewirkt, lese die ganzseitigen Darlegungen in der NZZ Nr. 66 und 277/2014, S. 12 und 30. Den Text mögen sich die Dauerrepräsentanten der repräsentativen Demokratie als Lehrstücke hinter den Spiegel stecken, ebenso den fundamentalen Beitrag im ›Scheideweg‹ 43/2013/14, S. 188 ff.
 
7
Glaubt man dem intellektuellen Vorlauf der unbestechlichen Wenigen, sind wir auf dem Weg zur evolutionären Demokratie. Danach nehmen aus mehreren Gründen Volksinitiativen (Anträge an das Parlament), Volksbegehren und Volksentscheide unaufhaltsam solange zu, bis in fundamentalen Fragen nicht mehr gegen den Willen des Verfassungssouveräns regiert werden kann. Ein Parteiengeschacher würde danach gnadenlos abgestraft und abgehobene Politiker ausgeklinkt. Die Mär von sog. instabilen Verhältnissen und der Volksunreife liegen auf der Linie der Verteidigung von … Wo zu viel Geld, keimt Bestechlichkeit; wo zu viel Macht, leiden die Beherrschten. Ein ehernes Gesetz aus langer historischer Erfahrung.
 
8
Wie den Prozeß der evolutionären Demokratie beschleunigen? Am leichtesten wäre die Vorschrift gesetzlich zu installieren, daß schon die Vorauswahl von Wahlkandidaten nicht mehr den Parteien überlassen wird. Jeder Bürger könnte seine Einmalstimme bei freien Wahlvereinen oder einer Partei ausüben. Bei Quorumspflicht würde sich die politische Kultur schlagartig von Grund auf ändern: Jeder Bürger hätte ein Mitsprachrecht schon auf Kandidatenebene, was die Eignungdebatte befeuern würde. Das Parteienoligopol oder -polypol wäre gebrochen. Jedermann hätte zum ersten Mal Zugang zum Vorhof der politischen Macht und könnte erstmals im offenen Wettbewerb daran mitreden, wen er favorisieren oder verhindern (!) will. Der Anreiz, bereits zur Vorwahl zu gehen, wäre extrem hoch, erst recht bei der Hauptwahl. Wie gesagt: Es darf auch mit Nein gestimmt werden, wenigstens auf Kandidatenebene. Was gerade eine negative Stimmenmacht bewirken kann, belegt die friedliche Revolution in der ehemaligen DDR. Sie kann Diktaturen stürzen. Im rechtsstaatlichen Rahmen wären die Rückstoßeffekte vor der Kandidatenaufstellung der erste evolutionäre Prozeß. Puristische Neinstimmer würden bald ebenso ihren Spaß verlieren wie parteiorthodoxe Kartellisten. Die Wahlen auf zwei Ebenen wären offen und tief bürgerverwurzelt.
 
9
»Mündige Bürger sind Europa suspekt«, titelte die NZZ Nr. 258/2011, S. 15. Angesichts der Unterstellung, parteienbestimmte Parlamentarier seien grundsätzlich entscheidungskompetenter als das Wahlvolk, ist das mehr als nur eine Ohrfeige. Kenner des Fraktionsbetriebs in den Parlamenten wissen: Der Volksvertreter erhält seine Order von der Fraktionsspitze, diese ihre Order von der Parteizentrale. Eigener Sachverstand oder das Gewissen werden nur in den seltenen Entscheidungsfällen ohne Fraktionszwang verlangt. Beim Bürger hingegen bestehen keine Vorgaben, denen er bei Strafe des Ausscheidens aus dem politischen Betrieb gehorchen müßte. Nur der Bürger ist wahrhaft entscheidungsfrei. In seiner Masse ist er zudem nicht bestechlich wie einzelne Abgeordnete. Und er ließe sich auch nicht zum bloßen Stimmvieh degradieren wie Parlamentarier bei der Einführung und den vielen Euro-Rettungspaketen. Direktdemokratische Korrekturmechanismen hätten nicht nur in diesem Falle abermilliarden Steuergelder erspart und Europa stabiler gehalten.
 
10
Abwehrtricks können den Weg der evolutionären Demokratie mit mehr Bürgerbeteiligung nicht mehr aufhalten. In Zeiten der digitalen Rundumaufklärung steigt der Druck aus politischer Ohnmachtserfahrung an der Basis. Fundamentale Entscheidung der Parlamente und der Justiz gegen die Mehrheit verstärken den Druck. Ja, auch die Justiz hat sich in wichtigen Lebensentscheidungen im Netzwerk aus Zeitmoden und parteienstaatlichen Gesetzen verfangen, so vor allem im Sozialrecht. Das Zeitalter des »repräsentativen Absolutismus« (Wolf-Dieter Narr) neigt sich seinem Ende zu wie einst die Fürstenherrschaft von Gottes Gnaden.
© Walthari®Aus: www.walthari.com
 
Immer daran denken: angelsächsische Geheimdienste lesen mit.
 





15. März 2012

Gerechtigkeit als Tugend und Ordnungsprinzip

Von Univ.-Prof. Dr. E. Dauenhauer

Bisher erschienene Artikel

  1. Was wir ahnen    W29/1998
  2. Tapferkeit    W32/1999
  3. Besonnenheit    W37/2000
  4. Aura – Sehnsucht, Stilisierung, Schicksal     W36/2001
  5. Redlichkeit    21. Febr. 2001+04. Nov. 2002
  6. Gelassenheit    17. März. 2002
  7. Bescheidenheit     20. Juli 2002+31. Dez. 2007
  8. Standhaftigkeit    08. Okt. 2002
  9. Dankbarkeit    11. Nov. 2002
  10. Tiefer Richtungssinn, Ma’at     07. Dez. 2002
  11. Privatheit und Askese    19. Juni 2003
  12. Hochherzigkeit    09. Juni 2004
  13. Das verachtete Tugendquartett: Bescheidenheit, Dezenz,
    Bedürfnisbeschränkung, Askese    24. Okt. 2005
  14. Klugheit    29. Januar 2007
  15. Hexis / Habitus    30. Juni 2007
  16. Torheit als Tugend    26. August 2007
  17. Das Geziemende, Angemessene    15. Sept. 2007
  18. Prohairesis – eine vernachlässigte Tugend)    24.Okt. 2007
  19. Scham zwischen Verachtung und Mißbrauch    02. Feb. 2008
  20. Dezenz       13. Juli 2008
  21. Großmut, Hochherzigkeit, Freigebigkeit    29. Nov. 2008
  22. Weisheitliche Signatur: Heiterkeit (teilw.)    24. Juli 2009
  23. Demut – eine verlachte Tugend    22. Nov. 2009
  24. Beharrlichkeit – eine hinderliche Tugend?    17. Aug. 2010
  25. Gerechtigkeit als Tugend und Ordnungsprinzip    12. März 2012
                    W = WALTHARI-Heft-Nr.
1

Zwischen den zahlreichen Lehren der Gerechtigkeit und dem derzeitigen gesellschaftlichen, politischen und privaten Gerechtigkeitsverständnis existiert ein Bruch. War noch für Platon und Aristoteles die Gerechtigkeit die Klammertugend des ethischen Verhaltens und für Cicero der »höchste Glanz« (splendor maximus), so ist sie seit dem 19. Jahrhundert real und diskursiv zur bloßen Verteilungsgerechtigkeit (soziale Gerechtigkeit) und zum politischen Beißbalg der sog. Gerechtigkeitslücke geworden. Alle Unterscheidungen, die von den Vorsokratikern bis zu den Rechtsphilosophen unserer Tage getroffen wurden und werden, scheinen vergessen oder mißachtet. Gerechtigkeit ist zum Kampfbegriff geworden. Mit ihr wird sogar legislativ und judikativ Schindluder getrieben, so sehr, daß die Meinung wächst, man solle auf sie verzichten, denn offensichtlich gebe es sie gar nicht.

 2

In der Philosophie und in den Geistes- und Sozialwissenschaften wird Gerechtigkeit seit je verschieden definiert. Man ist sich aber in folgenden Punkten einig:

-         Gerechtigkeit orientiert sich an sozialen, aber auch an innerpersönlichen Referenzwerten. Sie zeigt sich zwar besonders mit Bezug auf Menschen in der Treue und der Dankbarkeit, wurzelt aber letztlich in einer ich-haften geistigen Mesoteshaltung (vgl. unten). Robinson auf seiner einsamen Insel, schreibt O.Fr. Bollnow, muß sich über Gerechtigkeit keine Gedanken machen (in: Die Ehrfurcht. Wesen und Wandel der Tugend, Kapitel XIII: Die Gerechtigkeit, Würzburg 2009, S. 209).

-         Der allgemeine Gerechtigkeitsbegriff kann in Unterformen aufgegliedert werden. Es gibt danach eine ökonomische, gesetzlich, ethische usw. Gerechtigkeit.

-         Von Gerechtigkeit geht eine moralische, gesellschaftliche, politische und gesetzliche Ordnungs- und Friedensfunktion aus. Ungerechte Gesetze und Wirtschaftsordnungen sind auch moralisch zu verwerfen. Sie gefährden das friedliche gesellschaftliche Zusammenleben und beschädigen die politische Legitimation.

-         Es gibt zwei verschiedene Manifestationen (nicht Maße), an denen sich Gerechtigkeit erweist: an Haltung und Handlung. Was S. Pufendorf zuerst unterschieden, ist seit I. Kant vorherrschende Tendenz: die handlungsorientierte Gerechtigkeitsbetrachtung hat die haltungs- oder tugend-orientierte stark zurückgedrängt. Für Kant war Gerechtigkeit primär keine Tugend, sondern eine »Eigenschaft der Gesellschaft im bürgerlichen Zustand (›status civilis‹)« (F. Loos u.a.: Gerechtigkeit, in: HWPh, Bd. 3, Sp. 330 ff.).

 3

Uneins ist man in den Lehren der Gerechtigkeit über folgende Punkte:

-        

 4

Entwickelte Gerechtigkeitslehren haben vorgelegt:

  • Platon: …
  • Aristoteles: …
  • Augustinus: …
  • Anselm von Canterbury: …
  • Luther: …
  • Bacon: «Man schuldet es der Gerechtigkeit, daß der Mensch dem Menschen ein Gott ist, kein Wolf.«
  • Leibniz: …
  • Hobbes: …
  • Locke: …
  • Hume: Für ihn erweist sich Gerechtigkeit ausschließlich am öffentlichen Nutzen, d. h. am Glück aller und am Frieden.
  • Hegel: …
  • Kelsen: »Absolute Gerechtigkeit ist ein irrationales Ideal.« Rationale Definitionen (wie bei Kant) verwirft er als »völlig leere Formeln«.
  • Bollnow: Er sucht den zurückgedrängten Haltungs-(Tugend-)teil der Gerechtigkeit, wie er in der Antike und im Mittelalter vorherrschte, wieder zu reaktivieren und erinnert an Platons Königstugend: »Der einzelne Mensch ist bei ihm gerecht nicht in der Beziehung zum Staat und zum andern Menschen, sondern rein in sich selber, und er erfaßt sich in seinem Wesen nur im Spiegel des Staats. Grundsätzlich hat also der Mensch die Gerechtigkeit nicht anders, als er die Besonnenheit oder die Tapferkeit oder die Weisheit hat. In sich selber ist er gerecht. Und wenn man fragt, was hier die Gerechtigkeit heißt, so gibt Platon eine Antwort, die dem, der von der heute üblichen Auffassung ausgeht, völlig unerwartet kommen muß. Er sagt nämlich, der Mensch sei gerecht, wenn er in sich selbst das rechte Gleichgewicht zwischen den drei von Platon unterschiedenen Seelenteilen herstellt, wenn er der Sinnlichkeit, der von Platon mit dem schwer übersetzbaren Wort thymos bezeichneten vitalen Aktivität und der Vernunft jeweils ihren gerechten Anteil am eignen Wesen zuerkennt. … Es handelt sich um das harmonische Gleichgewicht zwischen den Kräften im Menschen. …Es ist diejenige Tugend, die aller einseitigen Zuspitzung einzelner Tugenden entgegenwirkt und in einem größeren Ganzen jeder einzelnen Tugend ihren ›gerechten‹ Platz zuweist.« Sie »ist nicht wie jene andern Tugenden Kraft zu etwas, sondern steht in sich ruhend schlechthin da. So steht die Gerechtigkeit bei Platon im engsten Zusammenhang mit einem Geist, der bei Aristoteles dann den mesotes-Charakter jeder einzelnen Tugend bedingt. Es ist die Übertragung des griechischen Maßbegriffs auf den Kosmos der Tugenden. In diesem Sinn ist es klar, warum diese besondere Tugend des Menschen bei Platon die herrschende Tugend ist« (a.a.O., S. 274 f.).

 5

Aus der Perspektive dieses tiefen Gerechtigkeitsbegriffs muten ›moderne‹ Auffassungen als primitive Formen an. Im politischen und gesellschaftlichen Diskurs wird Gerechtigkeit schlechterdings mit sozialer Gerechtigkeit gleichgesetzt. Damit wird nicht nur die Mesoteswirkung gekappt, auch der Referenzarm der Gerechtigkeit verarmt als bloße Verteilungsgerechtigkeit und entwertet komplementäre Werte wie Freiheit und Solidarität. Man lese dazu Parteiprogramme und höre sich die täglichen Forderungen nach sozialer Gerechtigkeit an. Die Schwerthiebe unter dem Motto der sozialen Gerechtigkeit werden von der Vorstellung sozialer Gleichheit angetrieben, die einen demontierenden Umverteilungsmechanismus in Gang setzt – auf Kosten der Freiheit und Solidarität. Den Schlachtrufen ›Gerechtigkeit für alle!‹ und ›Weg mit der Gerechtigkeitslücke!‹ liegt eine Gleichheitsideologie zugrunde, die zweierlei leugnet: daß soziale Ungleichheit nicht zu beseitigen ist und daß eine gemäßigte soziale Ungleichheit, also eine milde Form von sozialer Ungerechtigkeit, sogar erwünscht ist, um dynamische gesellschaftliche und individuelle Prozesse am Laufen zu halten. Die gängige Gerechtigkeitsrhetorik beutet Sozialängste aus und verspricht eine unrealistische Sicherheitssehnsucht – der Nährboden für Freiheitsverluste. Autoritär verordnete Gleichheit läuft zwangsläufig auf Wohlfahrts- und Freiheitsverlust hinaus, weil sie Synergien und Selbstverantwortung kleinhält. Daneben beschränkt sie sich auf materielle Verteilung und hat somit keinen Blick für den großen geistigen Ausgriff der Gerechtigkeit (vgl. oben). Dieser weite Begriff kämpft nicht mit der Freiheit um den Vorrang, sondern ›weiß‹ um das gegenseitige Bedingungsverhältnis. Es ist auf den immens aufgeblähten sozialpolitischen Propaganda-Apparat zurückzuführen, wenn in Deutschland der Wert der Freiheit weit hinter der Sicherheit rangiert und die Solidarität in einer staatlich-anonymen Sozialindustrie verkommt. Der Sozialstaat hat sich zum Leviathan aufgebläht, unter dessen Fürsorgedach die Klagen über Ungerechtigkeit zum Cantus firmus geworden sind.

 6

Der Frage ›Was ist gerecht?‹ haben seit Platon die Fragen vorauszugehen: ›Wie werde ich gerecht?‹ und ›Welche Ordnung schafft ein rechtschaffendes Zueinander?‹ Der zweiten Frage gebührt der Vorrang vor der ersten und dritten…

 7

In den letzten Jahrzehnten kam es, in Auseinandersetzung mit dem Fairnessansatz von Rawls, zu erstaunlichen Rückbesinnungen, genauer gesagt zur Besinnung auf längst gesicherte Positionen. Antreiber dafür war insbesondere der Kommunitarismus, der darauf beharrt, daß Gerechtigkeit weniger an der abstrakten Menschheit als an konkreten Individuen zu messen sei. Einer der geistigen Väter, Michael Walzer, erinnerte 1983 daran, daß es die universale Gerechtigkeitsidee gar nicht geben könne; was gerecht sei, ergebe sich in überschaubaren gesellschaftlichen Verbänden, die sich durch enge Kooperation und damit durch eine starke Mentalitätskohärenz auszeichneten. Es gibt nach diesem Ansatz viele Gerechtigkeitsideen, die jeweils folgende Leitpostulate in ein Verhältnis setzen, damit erkennbar wird, was als gerecht empfunden werden kann: Freiheit, Gleichheit (vor dem Gesetz), Menschenwürde, Solidarität und Autonomie (des Individuums). In islamischen Kulturkreisen herrschen andere Gerechtigkeitsvorstellungen als in christlichen. Doch bei aller Verschiedenheit darf auf das universalistische Grundmuster, das sich in der Jahrhunderten der Aufklärung herausgeschält hat, nicht verzichtet werden. Die Unterschiede rechtfertigen z.B. nicht, daß man gegenüber Notleidenden nicht solidarisch handeln muß. Das wäre kulturübergreifend so ungerecht (ein Verstoß gegen die Solidarität) wie geschlechtsspezifische Rechtseinschränkungen (Verstoß gegen die Gleichheit vor dem Gesetz). Aus der bloßen Rahmenfunktion der fünf Leitkategorien (vgl. oben) ergibt sich noch keine Gerechtigkeit. Diese entsteht vielmehr…

 8

Mit den vorstehenden Überlegungen lassen sich Antworten finden auf die Ausgestaltung der drei Gerechtigkeitssparten, die Aristoteles im Buch 5 seiner Nikomachischen Ethik vorgeschlagen hat.

-       Justitia legalis: Die Gesetzesgerechtigkeit ist umso gefährdeter, je universalistischer ihr Anspruch ist. Der lex universalis haben leges speciales an die Seite zu treten, da Generalklauseln nicht alle Fälle gerecht regeln können. Die Entscheidung darüber wird umso gerechter empfunden, je kommunitaristischer sie getroffen wird. Die Orestie liefert dafür einen Musterfall seit zweieinhalbtausend Jahren.

-       Justitia distributiva: Die so häufig ins Verschwenderische ausufernde Verteilungsgerechtigkeit kann ebenfalls kommunitaristisch auf berechtigte und damit gerechte Maße beschränkt werden. Im anonymen Mechanismus der Sozialindustrie läuft sie entlang formalen Anspruchsdenkens aus dem Ruder.

-       Justitia communicativa: Für die Tauschgerechtigkeit hat bereits Herodot das klassische Lösungsmuster mit seinem Afrikahandel geliefert (vgl. Wirtschaftskategorien, 2011, S. 45 f.). Treten unter den bekannten Fairneßbedingungen des Marktes (offen, frei, rechtsförmig und sanktionsbewehrt) Tauschpartner einander gegenüber, erzwingt die Lage einen gerechten Ausgleich. Kein Partner wird tauschen, wenn er keinen Vorteil erzielen kann – ein zweiseitiges Geschäft also, das erst abgeschlossen wird, wenn es beide Partner als gerecht ansehen. Märkte sind daher die Urform der Demokratie, lange bevor die politische Theorie sie entdeckt hat. Hier hat der Spruch ›Jedem das seine‹ die volle Be-Rechtigung. Im Tausch entsteht Gerechtigkeit über das Ökonomische hinaus. Denn…

 9

Die ›naturwüchsige‹ Herleitung der Gerechtigkeit aus dem Tausch – er ist als anthropologische Konstante ein Teil der Natur des Menschen und zivilisatorisch eine rechtskonstituierende Alternative zur Gewalt – wirft die Frage nach dem Verhältnis von Gerechtigkeit und Recht auf. Wie dargelegt, kann Gerechtigkeit nicht nachhaltig verordnet werden, sie ist auf Akzeptanz angewiesen und setzt ein subjektives Gerechtwerden voraus (›Wie werde ich gerecht?‹ geht der Frage ›Was ist gerecht?‹ voraus). Um aber dauerhaft wirksam zu bleiben, muß eine Antwort auf die dritte Frage gefunden werden: Welche Ordnung schafft ein rechtsstiftendes Zueinander? Hier geht es um den Übergang von Gerechtigkeit in Recht oder um die Fragen, wieviel Gerechtigkeit im Recht stecken muß und wohin ein Recht ohne Gerechtigkeit führt. Dazu muß man drei wichtige Unterschiede festhalten:

-        

In modernen Rechtssaaten arbeitet hingegen die Gesetzesmaschine (diese Metapher besteht zurecht) systemformal und damit fernab von Rückbindungen an Gerechtigkeitsüberzeugungen. Dabei gilt: Je größer das staatliche Gebilde, umso größer die Kluft. In der kantonal verfaßten Schweiz ist die Verbindung von Recht und Gerechtigkeit direktdemokratisch verankert. Sollte es zu einem europäischen Bundesstaat kommen, wäre ein urdemokratisches Anliegen, nämlich Gesetze auch mit Gerechtigkeitsüberzeugungen zu legitimieren, aufgegeben. Das ist in der Europäischen Union vielfach heute schon nicht der Fall.
© Walthari® – Aus: www.walthari.com

Die Volltextversionen aller Tugendbetrachtungen
sind als  Buchveröffentlichung erschienen:  
Wozu noch Tugenden? - Ein fälliges Erinnern.

Weiterführend: ›Weisheitliche Lebensführung‹,
Näheres unter Fenster Sachbücher in diesem WALTHARI-Portal



 
 
Erich Dauenhauer
 
 
 
 
 
 

Aktive Bürgergesellschaft
in einem gebändigten Staat
 
 
 
 
 
 
 
 
 

2007
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 

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Aus dem Inhalt

Der Bürger: Mal in guter, mal in schlechter Gesellschaft, immer aber in parteienstaatlichen Händen?
Sieben Weisen: Welches ist der beste Staat?

I. Vor-Orientierungen

  • Was versteht man unter einer Bürgergesellschaft?
  • Aktive Bürgergesellschaft – eine Utopie in Zeiten des      Individualismus  und der globalisierenden Spätmoderne?
  • Lassen sich nationale und supranationale Staatsgebilde  bürgergesellschaftlich bändigen?
  • Was bedeutet aktives Da-Sein in einer Bürgergesellschaft?
II. Grundlagen
  • Repräsentanz und direkte Demokratie 
  • Unabhängige Eliten: die dritte Säule einer bürgergesellschaftlichen Demokratie
  • Die Rolle von Schulen, Medien, Verbände und Nichtregierungsorganisationen in einer aktiven Bürgergesellschaft
  • Strukturen, Auswüchse und Begrenzung der Parteiendemokratie
  • Vom Grundgesetz zu einer bürgergesellschaftlichen Verfassung
III. Einige ideengeschichtliche Herleitungen
IV. Grundweisende Bürgerlichkeitskonzepte
V. Bürgerliches und staatliches Mißlingen
  • Warum Gesellschaften und Staaten untergehen
  •  Konkrete Gefährdungen der Bürgerlichkeit
  • Parteienstaatliches Mißlingen
VI. Bürgerliches und staatliches Gelingen
  • Ideengeschichtliche Erkenntniserträge
  • Systemelemente einer gelingenden Bürgerlichkeit in einem gebändigten Staat
V. Anhang

Direktpreis: EURO 23,-  zzgl. Versandkosten / Buchhandelspreis: EURO 33,-
233 Seiten, Hotmeldbindung, flexibler Einband
Bezug zum Direktpreis  über 
WALTHARI,  Postfach 100019, 66979 Münchweiler oder E-Mail: 
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