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KleineProsa

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Erich Dauenhauer
 
 
 

Schreiben
als
Meuterei

Poetologische und 
poetische Stücke
 
 
 
 
 

WALTHARI
www.walthari.com

 

INHALT

I.  Literaturbriefe
Schreiben als Meuterei
Kotzästhetik 
Literaturbrief zur Anthropodizee
Referenzloses Dasein
Sendschreiben an die Bürger eines zunehmend 
(ver-)fassungslosen Landes
Scheltbrief: Pamuks unfriedliche Friedenspreisrede
Fragmentarischer Literaturbrief: 
Bellarmin an Hyperion
Das versäumte Europa

II. Literarische Befindlichkeiten
Über antreibende Schreibunruhe
Ästhetische Empfindungen beim Schreiben
Ästhetische Empfindungen beim Lesen
Schreiben auf brennendem Fell
Walthariaden: Tagebuchnotizen

III. Sprechtexte
Schelling im Gespräch
Vielgesichtige Natur
Gipfelgespräch
Der Literaturagent
Netzkonferenz
Lob akademischer Torheiten

IV. Theaterreflexionen
Aufstieg und Fall des radikalen Regietheaters
Theaterwelten: Exzentrik schlägt Normalität
Rezensierte Rezensionen
Theaterkritik: Wedekinds „Lulu“
Das Theater als Widerlager zum System

V.  Poetologische Reflexionen
Anakreon verlacht Pindar
Das Böse als ästhetische Kategorie
Literatur am Abgrund

VI. Buchbesprechungen
Warum uns das Böse fasziniert
Brecht-Handbuch
Die Wahrheit des Poetisch-Erhabenen
Das doppelt Erhabene

VII. Polemische Prosa
Zwei bescheidene Vorschläge
Nachtrag zum vorstehenden Beitrag
Genußvolle Kinderlosigkeit
Vertreibung aus Politik und Gesellschaft

VIII. Tsunamische Apokalypse

IX.    Zum Walthari-Projekt. Ein Werkstattbericht

226 Seiten,  flexibler Einband

Bezug über  http://www.walthari.com/buchshop/
oder siehe oben
 

Leseprobe

Schreiben als Meuterei
ZUR EINFÜHRUNG

Der vorliegende Sammelband enthält Texte, die an anderer Stel-le bereits veröffentlicht wurden (mit zwei Ausnahmen). Erst in der Gesamtschau ergeben sie ein literarisches Gemälde. Wohl die meisten Schriftsteller sind im Laufe ihrer Arbeit zu der Überzeugung gelangt, daß literarisches Schreiben nur noch als Meuterei möglich ist, nicht laut polternd, sondern leise in ironi-schen und satirischen Tonlagen, immer aber mit der Schärfe des treffenden Wortes, das der genauen Beobachtung entspringt. »Agundum atque obviam eundum est« – Handeln und Widerstand leisten, so schon Sallust. Und sein römischer Landsmann, Juvenal: »Delicias hominis« – Welch ein Spleen hat der Mensch! Dies erkannt zu haben ist zwar nicht das Privileg von Schriftstellern. Der Philosoph Schelling bezweifelte, ob die Vernunft des Menschen ausreiche, sich und die Welt tief genug zu begreifen. »Es kann alles in der logischen Idee seyn, ohne daß irgend etwas erklärt wäre... Die ganze Welt liegt gleichsam in den Netzen... der Vernunft, aber die Frage ist eben, wie sie in diese Netze gekommen sey, da in der Welt offenbar noch etwas anderes und etwas mehr als bloße Vernunft ist, ja sogar etwas über diese Schranken Hinausstre-bendes.« Dieses Hinausstrebende ist die Signatur der Literatur, der Kunst generell.
Von einer Schreibunruhe angetrieben, entstanden die hier vorgestellten rund drei Dutzend Texte. Sie gehören unterschiedlichen Gattungen an und belegen so den weiten Bogen, den ich beim Durchwandern der realen und fiktiven Welten geschlagen habe.
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Es gibt erfundene Geschichten, die wirklicher, ja wahrer sind als das Leben selbst. Und es gibt Schicksale, die kein poetischer Kopf hätte treffender erfinden können. Beides, das Erdachte und das Wirkliche, wer hat beides überhaupt je zu trennen vermocht? Das Rätsel schlägt jeden, der den Fehler begeht, darüber nachzudenken, unweigerlich in seinen Bann. Ein Leben lang. Und ich weiß, worüber ich rede.
Mein Freund, der mir die Geschichte über Silberhändchen erzählte - eigentlich mußte ich ihn dazu ermuntern, denn dahinter verbarg sich eine Hoffnung der Ärzte -, dieser mein bester Freund versicherte mir zwar ausdrücklich, alles habe er sich nur ausgedacht. Aber das konnte nicht ganz stimmen. Er wollte einfach höflich sein, vermute ich. Oder schämte er sich? War er deshalb nicht bereit einzugestehen, daß aus ihm mehr die Wechselfälle des Daseins als seine Phantasie sprachen? Denn wie konnte es das geben: Von irgendwoher und plötzlich ergreift dich eine Hand, du spürst sie im Nacken, sie hebt dich vom gewohnten Weg ab und schubst dich auf eine steile Eisbahn. Kalt saust du durch spiegelglatte Kurven, du schießt eine dir unbekannte Bobbahn hinunter, schneller und schneller, ohne Halt und Steuer, wehrloses Opfer einer Schwerkraft. Dumpf schlagen Kopf und Beine unterwegs an, mal links, mal rechts, dein ganzer Leib schmerzt, halb benommen siehst du die Mauer der Zuschauer, fliegende Schatten, die vergnügt und in törichter Unwissenheit winken. Die Leute verkennen vollkommen deine Lage. Unten endlich rammt sich dein Körper im Bremsschnee fest. Man beugt sich über dich, du schaust in fremde Gesichter, gerade noch diese Wahrnehmung – dann sackt dein Kopf seitlich weg...

 177 Seiten,  flexibler Einband

Bezug über siehe oben


Als Komplementärtext zu dieser satirischen Campuserzählung hat der Autor die hochschulpolitische Streitschrift veröffentlicht: ›Die Universität als Lebensform und Reformopfer. Eine Bilanz nach 32 Lehrstuhljahren‹. Näheres unter Fenster ›Sachbücher‹/›Sektion Wissenschafts- und Universitätspolitik‹  in diesem WALHTARI-Portal sowie Leseproben unter Fenster ›Wissenschaftsforum‹ / ›Aus dem akademischen Leben‹.



Aktuelle Rezension


Erschienen in der Pirmasenser Zeitung, Mittwoch, 7. Dezember 2005:

Hochschulsatire mit echtem Hintergrund
Erich Dauenhauer stellt neues Werk vor
Von Willi Edrich 

Vier Jahre nach seinem letzten Roman ›Namenlose Überfahr legt der Münchweilerer Autor Erich Dauenhauer einen Prosaband unter dem Titel ›Silberhändchen – Erzählung aus den Grauzonen‹ vor. Es handelt sich um eine Satire auf die Hochschule, die der Autor in einer Niedergangsphase sieht. Dauenhauer weiß wovon er spricht und schreibt: Fast 33 Jahre hatte er an einer Pfälzischen Universität einen Lehrstuhl für Wirtschaftswissenschaft inne, kennt sowohl als Professor, Fakultätsdekan und Senats-mitglied das Innenleben der hohen Schule aus langer Erfahrung. Auch als Emeritus hält er immer noch Vorlesungen und blickt auf die wundervolle - und die dunkle Seite der Hochschule. Genau diese Doppelsicht schildert er in ›Silberhändchen‹, worin al-lerdings besonders die Schattenseiten satirisch aufgespießt werden. Seine stark ver-fremdeten Erfahrungen packt er in eine biographische Professorengeschichte von atemberaubender Spannung und Erheiterung. Auch Bildungspolitiker bekommen ihr Fett ab, weil sie in völliger Verkennung des Universitätslebens - darüber hat der Autor vor drei Jahren eine bundesweit beachtete Streitschrift mit dem Titel ›Die Universität als Lebensform und Reformopfer‹ verfaßt - eine der Hauptfiguren mit naiven Fragen bedrängen. Und so lässt Professor Eckenrodt die Volksvertreter in einem parlamentari-schen Untersuchungsausschuß prompt auflaufen. Gegenspieler Eckenrodts ist der Rek-tor, den man Silberhändchen nennt... Er hat... ein raffiniertes Netzwerk aufgebaut, mit dem Intrigen und Rechtswidrigkeiten gedeckt werden. Wie es die Leser bei Dauenhau-er gewohnt sind, werden die Szenen aus mehreren Perspektiven an- und ausgeleuchtet. Am heitersten sind wohl die inneren Monologe des Fahrers und der Sekretärin Silber-händchens. 
Um sich abzulenken, unternimmt schließlich Eckenrodt, zusammen mit einem alten Freund, eine Schiffsreise, die ihn u.a. an den Ausgangsort der abendländischen Wis-senschaft führt: nach Athen, wo einst Platons seine Schüler um sich versammelte. Im Schlußteil...  werden Hochschulvorgänge und Reise-Erlebnisse so kunstvoll miteinan-der verflochten, daß höchste Aufmerksamkeit bei Lesen erforderlich ist. Zur Gaudi gerät am Ende die Beschreibung eines studentischen Abschlußfestes am Semesterende, das zur Groteske ausartet. 
Eine Leseprobe bietet das Internetportal www.walthari.com. ›Silberhändchen‹ kostet im Buchhandel 22,- Euro und kann direkt bei WALTHARI, Postfach 100019, 66979 Münchweiler, zum Sonderpreis von17,- Euro plus Versandkosten) bezogen werden.
 


Leseprobe

Silberhändchen
V
   Das hätten wir gerne genauer gewußt, Herr Professor! Wenn also in Ihrer Kunstakademie ein Gremium darüber zu entscheiden hat, sagen wir ob neue Notenständer anzuschaffen sind, dann zählt die Stimme des Gärtners voll mit. Haben wir das richtig verstanden?
Das ist Vorschrift. Der Gärtner hat in solchen Fragen sogar das gleiche Stimmrecht wie ein Professor. So will es das Hochschulgesetz. Nur wenn Forschung und Lehre berührt werden, entscheidet die Stimmenmehrheit der Professoren.
An die Kollegen Abgeordneten gewandt: Das war sicherlich vom Gesetzgeber so nicht gewollt. Oder täusch' ich mich da? Immerhin liegt die diesbezügliche Parlamentsdebatte schon einige Jahre zurück.
Abgeordneter Wechselberg: Herr Vorsitzender, alle Fraktionen des Hohen Hauses hielten es damals für einen demokratischen Fortschritt, die verkurstete Professorenherrschaft zu brechen. Daher sollten ausnahmslos alle Mitglieder einer Hochschule, auch ein Gärtner, am Willensbildungsprozeß beteiligt werden. Eine Laienmitwirkung lag durchaus im Sinne des Parlaments, wenn mir dieser Hinweis erlaubt ist.
Abgeordneter Rotbein: Dazu steht meine Fraktion auch heute noch! Ob Gärtner oder Sekretärin, sie besitzen nicht weniger gesunden Menschenverstand als ein Akademischer Rat oder ein Professor. Und darauf kommt es doch wohl in erster Linie an, wenn Notenständer anzuschaffen sind, nicht wahr?
Vorsitzender: Wie meinen Sie das, Herr Kollege?
Im Falle der Anschaffung von Notenständern könnte sich nämlich ein Gärtner fragen, was besser ist: Blumensamen oder eben Notenständer? Das wäre doch eine vernünftige Abwägung. Daher sage ich: Was vor Jahren richtig war, kann heute nicht falsch sein!
Abgeordneter Rußriegel: Meine Fraktion hatte seinerzeit gewisse Vorbehalte, wenn Sie sich erinnern wollen. Nur schweren Herzens stimmten wir dem neuen Hochschulgesetz zu, um in Wahlkämpfen nicht als Anti-Demokraten abgestempelt zu werden.
Vorsitzender: Herr Professor Eckenrodt, wir haben Sie als Sachverständigen vor den Ausschuß geladen, um von der Basis etwas über die Auswirkungen der Hochschulreform zu erfahren. Sie als Mann der Kunst und Wissenschaft haben vielleicht ganz andere Erfahrungen gemacht als Philosophieprofessoren an großen Universitäten. Sehe ich das richtig?
Darf ich, um meine Ausführungen besser veranschaulichen zu können, den Damen und Herren Abgeordneten etwas vorschlagen? Könnten Sie zu dieser Ausschuß-Sitzung einen Ihrer Parlamentsportiers und eine Fraktionssekretärin hinzuziehen? Mit vollem Frage- und Stimmrecht, meine ich, als Vertreter ihrer Gruppen im Parlamentsgebäude?
Vorsitzender: Wollen Sie uns auf den Arm nehmen? Zwischen einer Hochschule und der Legislative bestehen Unterschiede. Sie verkennen den besonderen Auftrag des Parlaments!
Ganz und gar nicht, Herr Vorsitzender, ich denke nur an die von Ihnen so geschätzte Laienmitwirkung und an den gesunden Menschenverstand. Was für Hochschulen richtig ist, kann doch für Parlamente nicht falsch sein. Auch nicht für Ministerien, scheint mir.
Unglaublich, so was von einem Hochschullehrer zu hören. Allgemeines Nicken. 
Ich fordere Sie auf, endlich mit Ihrem Referat zu beginnen.
Ich bitte um Nachsicht, aber zwischen dem gesunden Menschenverstand einer Fraktionssekretärin und demjenigen eines Hochschulgärtners erkenne ich keinen Unterschied.
Ich rufe Sie zur Ordnung! Sprechen Sie bitte zum Thema! Und unterlassen Sie unpassende Vergleiche! Worin sich ein vom Volk gewählter Abgeordneter von einem Professor unterscheidet, weiß doch jedes Kind!
Ich dachte nur, was sich eine Hochschule von einem Portier oder Gärtner versprechen darf, sollte sich ein Parlamentsausschuß nicht entgehen lassen. In puncto Mitbestimmung sind an Hochschulen alle mit von der Partie: Gärtner, Sekretärinnen, Kopierer...
So kommen wir nicht weiter! Sie wollen, wenn auch unpassend, sagen, daß die Herren Professoren von den gesetzlichen Mitbestimmungsrechten nicht viel halten. Sie fühlen sich offenbar dadurch beeinträchtigt. Doch allenfalls in der Forschung.
Nicht nur dort.
Ein Zwischenrufer: Der mißachtet das Parlament! 
Dem Vorsitzenden gelingt es nur unter Mühen, den Ausschuß zu beruhigen. Er betätigt mehrfach eine Glocke.
Mein Vater hat mir als Junge beigebracht, daß Reformer ihre Fortschrittsideen bevorzugt an anderen ausprobieren. Mein Vater war Arbeiter.
Wir wollen mal ausnahmsweise nicht so empfindlich sein, meine Damen und Herren Kollegen. Es geht Herrn Eckenrodt offensichtlich nur darum, uns seine Meinung drastisch vor Augen zu führen, nicht wahr?
Abgeordneter Rotbein: Wollten Sie mit Ihrem Vorschlag demonstrieren, daß demokratische Prinzipien für Hochschulen nichts taugen?
Sie sind für Hochschulen so tauglich wie für Parlamente. Oder wie für Ministerien.
Vorsitzender: Aber mit Ihren Vergleichen liegen Sie doch total schief! Das sollten Sie doch endlich einsehen. Sie selbst haben zugestanden, daß bei speziellen Fragen der Wissenschaft und Kunst allein die Mehrheit der Professoren maßgebend ist.
Dann möchte ich den Damen und Herren Abgeordneten ein anderes Beispiel bringen.
Bitte nicht! Mit Beispielen sind wir genug eingedeckt! Oder haben Sie einen aktuellen Fall parat?
Hab' ich. Einen brandaktuellen sogar. Im letzten Semester schrieben wir eine Stelle für Musikwissenschaft aus. Gewünschter Schwerpunkt: helles Blech. Zumindest ein Helltöner sollte es sein.
Abgeordneter Wechselberg: Was es alles gibt!
Zur Kandidatenvorstellung war auch der Gärtner einzuladen.
Schon wieder der Gärtner!
Er wirkt im Berufungsausschuß als Vertreter der Gruppe nichtkünstlerisches Personal mit. Vermutlich war er von seiner Gruppe deshalb in den Ausschuß gewählt worden, weil er im städtischen Spielmannszug die große Tragtrommel schlägt...
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Erich Dauenhauer
 
 
 

Republikanisch-satirische
Skizzen

Essays
 
 
 
 
 

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          Aus dem Inhalt
  • Fortbildungsstunde
  • Terroristenphilosophie
  • Befragung eines Marxisten zum Thema Gewalt
  • Kriminalität:. Ein Brief an den Herrn Bundeskanzler
  • Kerriertechniken
  • Befragung eines Abgeordneten über eine parlamentarische Kleinkunst
  • Lexikalische Visionen
  • Die Parteibeichte
  • Aus dem Wörterbuch der Sozialmoral
  • An freien deutschen Hochschulen

  •  

 92 Seiten,  flexibler Einband

Bezug über siehe oben

Leseprobe

Republikanisch-satirische Skizzen: An freien deutschen Hochschulen

Bild 3 (1978)
Fast ein Emeritus

Helle freundliche Büros. Junge Herren, die sich duzen. Man ist geduldig, beinahe nachsichtig und beantwortet jede seiner Fragen. Manchmal stehen die Gremienleiter selbst Rede und Antwort und beziehen sich nur in Ausnahmefällen auf das Gesetz. Das Gesetz zieht deutliche Linien. Als er es damals, an der Wende zur neuen Gesinnung und Sprache, zum erstenmal las, listete er das frische Vokabular auf, fein säuberlich auf zwei Doppelbogen, und bemühte sich um begriffliche Klärung. Das kann so schlimm nicht sein, meinte er und mit ihm einige seiner älteren Kollegen. Andere waren skeptisch: Die neue Gesinnung sei stets so gut und so schlecht wie die Sprache, die man vorausschicke. Das Gesetz hat viele Paragraphen der Praxis vorauseilen lassen. Es folgten die Herren, die so trefflich zu lächeln verstehen.

Das Auswechseln von Termini kann listiges Vergnügen bereiten: Fachbereich statt Fakultät und so fort. List und Vergnügen im Amt sind ihm fremd. Sein wacher Stundenaufguß in den Nächten ist seit der Wende angefüllt mit Rundschreiben, die ihm das Dekanat in das Postfach legt. Man verlangt, daß er Lehrkapazitäten berechnet und die Studienordnung seines Faches nach vorgegebener Dezimalklassifikation formalisiert; daß er mündliche Prüfungen nach einem Einheitsprotokoll standardisiert und stets seine Urlaubsanschrift beim Dekanat hinterläßt. Gelegentlich reichen die Büros fehlerhaft ausgefüllte Papiere an ihn zurück, mit Sichtvermerken rechts oben. Er gibt sich Mühe. Das Einheften der Senats-, Fachbereichs- und anderer Beschlüsse in die Ordner besorgt er selbst. Es herrscht eine buchhalterische Ordnung, die Gremienleiter sind stolz darauf und können ohne Sorge einer Prüfung des Landesrechnungshofes entgegensehen.

Auf dem Weg zur Bibliothek trifft er des öftern Kollegen oder Büroangehörige. Sie fragen, ob er sich zurechtfinde, und loben seine gesunde Gesichtsfarbe. Er erkundigt sich nach den allerneuesten Beschlüssen. Vor Jahren hat man ihn von der Zugehörigkeit fast aller Gremien überredend entlastet, und nun muß er Rundschreiben und Protokolle besonders sorgfältig studieren und auf dem Weg zur Bibliothek die letzten Auskünft einholen. Er geht häufig nur aus diesem Grunde zur Bibliothek. Darüber kann er seine gewohnten Lesestunden an den Dienstag- und Freitagnachmittagen vergessen. Die Gespräche vor den Leseräumen sind notwendiger geworden als das Studium der wissenschaftlichen Zeitschriften.

Es geht das Wort vom Altersfleiß der alten Herren. Sogar der Herr Präsident hat sich unlängst, bei der Verabschiedung eines noch älteren Kollegen, des Wortes bedient und ein allgemeines Lob ausgesprochen: Man beobachte mit Anerkennung, ja Bewunderung, wie aktiv die verehrten älteren Kollegen noch am akademischen Leben teilnähmen und die erforderlichen Reformen mittrügen.

Noch zwei Jahre bis zur Emeritierung. In den wachen Aufgußstunden bespricht er mit seiner Frau, ob er früher dem Amte entsagen solle, um der Pensionierung und dem anderen zuvorkommen. Seit der Wende hat er keinen neuen Text veröffentlicht. Rechnungshöfe fragen danach nicht.

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